Der 90-jährige Dr. Horst Heidrich ist einer der wenigen Zeitzeugen, die sich noch gut an die Dezembertage in der alten Heimat erinnern können. Er wohnte damals mit seinen Eltern in Altstadt (Staré město), 700 Kilometer von Neuburg entfernt und in der Nähe der heutigen Partnerstadt Jesenik.
Die Familie habe einen großen Bauernhof bewirtschaftet, „und Weihnachten haben wir immer emotional gefeiert“, erinnert sich Horst Heidrich. Natürlich habe seine Mutter Plätzchen gebacken, insbesondere Vanillekipferl, „Ausgestochene“ und geflochtene Zöpfe. Als Geschenke habe es meistens selbstgestrickte Socken und Handschuhe gegeben. „Wir waren damit zufrieden, unsere Ansprüche waren nicht groß“, erzählt der Pensionär. An das Festessen kann er sich nicht mehr so genau erinnern, „die Gänse sind jedenfalls schon im November geschlachtet und verzehrt worden.“ Zur Christmette war der Pfarrer mit einer Kutsche aus der Stadt geholt worden. Manchmal brauchte der Kutscher einen Schlitten, denn im Altvatergebirge gab es im Winter ausreichend Schnee. Der neunjährige Horst und seine Freunde sausten mit Schlitten und auf einfachen Skibrettern einen etwa 300 Meter langen Hang hinunter. „Wir waren so fleißig unterwegs – der war immer blank gefahren.“
Ein großer Lapsus unterlief ihm nach einem Geschenk von seiner Großmutter: Sie überließ ihm ein ganzes Regiment von Zinnfiguren. Horst Heidrich baute am Parkettboden ein kleines Schlachtenszenario auf und hämmerte die Zinnsoldaten in die Bodenritze hinein. „Die Großmutter hat mich daraufhin sehr getadelt“, so formuliert er es heute.
Sudetendeutsche erinnern sich an einen besonderen Brauch am ersten Weihnachtsfeiertag: Die Burschen nahmen blühende Barbarazweige und suchten damit ihnen bekannte Mädchen auf, um sie damit zu „peitschen“. Das Mädchen konnte sich mit Gaben befreien: Kuchen, Eier, Geld oder Schnaps. Der zweite Weihnachtsfeiertag war zugleich das Fest des heiligen Stefanus („Steffelstag“), der unter anderem auch als Patron der Pferde gilt, weshalb ihm zu Ehren an diesem Tag die Pferde geweiht wurden. Die Weihnachtszeit endete am 6. Januar mit dem Dreikönigstag. An diesem Tag zündete man ein letztes Mal die Kerzen am Christbaum an, der am darauffolgenden Tag verbrannt wurde.
Ein schwerer Schicksalsschlag traf die Familie Heidrich, als ihr Sohn Manfred mit zwei Jahren starb. 1946 sollten Mutter und Sohn Horst ihre Heimat verlassen, doch tschechische Soldaten stoppten ihren Zug nachts in Prag. Sie mussten zurück, weil die Tschechen erst den Vater verurteilen wollten. Das geschah auch, und 1947 musste die Familie endgültig ausreisen.
Als armes Flüchtlingskind über Furth im Wald schließlich in Neuburg und im Studienseminar eingetroffen, hat Horst Heidrich eine beachtliche Karriere hingelegt. Natürlich ging er in die Mazillisschule. Ein US-Offizier vermittelte ihn kurzzeitig ins Cassianeum Donauwörth. Sein Abitur hat er aber 1957 im Neuburger Gymnasium mit Oberrealschule gemacht. Damals ärgerte er als Klassensprecher gemeinsam mit den Seminaristen manchmal Oberstudiendirektor Johann Ott und andere Lehrer. Über eine Beleidigung in der Abi-Zeitung reagierte das Kollegium so verärgert, dass nur drei Lehrer zur Abschlussfeier erschienen. „Das waren Direktor Ott, Musiklehrer Hunner und der Magel.“ Von der Absolvia 1957 leben nur noch ganz wenige Mitschüler.
Der junge Horst Heidrich wollte eigentlich Geologie studieren. Er hat sich aber sagen lassen, dass er dann häufig in Länder wie Australien reisen müsse. So ging er lieber zur Ludwig-Maximilians-Universität München und studierte Physik. „Tatsächlich hatte mir ein Hausmeister den Tipp gegeben,“, so Horst Heidrich, denn für die TU München hatte er sich zu spät angemeldet.
Sein Berufsleben widmete er dem Raum- und Luftfahrtkonzern MBB in Manching, damals Entwicklungsring Süd genannt. Der Neuburger tüftelte mit Wissenschaftlern und Flugbaumeistern an einem Senkrechtstarter und diversen Düsenjets. „Ich bin froh, dass aus einem schlesischen Bauernbuben noch ein Physiker werden konnte“, sagt er heute.
Die erste Heimat in Altstadt (Staré Město u Bruntálu) im Altvatergebirge hatte er nach dem Fall des Eisernen Vorhangs natürlich noch einmal besucht. Zu einer emotionalen Begegnung kam es heuer im August, als Horst Heidrich mit Tochter Ute die Reise in die Partnerstadt Jesenik mitmachte. Nach langer Taxifahrt durch das Altvatergebirge fand er im strömenden Regen sein Geburtshaus in der Jeseniker Senke. Die neuen Bewohner öffneten ihm und zeigten ihm die Räume. „Jetzt hat sich die Reise gelohnt“, sagte der 90-jährige Neuburger.
