Rund 150 Jahre später ist mit Roland Thiele eine Persönlichkeit für die Neuburger Stadtgeschichte aktiv, die das Ehrenamt im Historischen Verein ganz anders, aber ebenso nachhaltig prägt. Der mittlerweile pensionierte Hauptamtsleiter der Stadt Neuburg ist seit 1972 im Verein engagiert – zunächst als Bibliothekar, dann als zweiter Vorsitzender und von 2000 bis 2017 als erster Vorsitzender. Von 2002 bis 2019 ist er außerdem Stadtheimatpfleger und damit Schnittstelle zwischen Verein, Stadtverwaltung und Öffentlichkeit.

Meilensteine für den Verein in 17 Jahren Vorstandschaft
Unter seiner Führung erlebt der Historische Verein zwei Meilensteine: 2005 eröffnet im Weveldhaus das neue Stadtmuseum, das der Verein seither in der historischen Immobilie der Stadt stets unter wissenschaftlicher Leitung erfolgreich betreibt. Dieses neue Stadtmuseum steht dabei in einer langen Tradition – begründet auch durch Mäzene wie Heinrich Feyerlein (1915 – 1994), Vereinskonservator und Mitinitiator des „Heimatmuseums“, der dem Verein seine privaten Sammlungen vermachte.
2017 schließlich, im Luthergedenkjahr, fungiert Thiele als Ideengeber und Organisator der größten Ausstellung in der Geschichte des Vereins: „FürstenMacht und wahrer Glaube“. Reformation und Gegenreformation lockt rund 20.000 Besucherinnen und Besucher ins Neuburger Schloss, dessen Schlosskapelle und über den eigens baulich ertüchtigten und nur während der Ausstellungsdauer vom Schloss aus zugänglichen „Fürstengang“ in die Hofkirche. Das Projekt mit einem Gesamtvolumen von rund einer Million Euro wäre ohne das Zusammenspiel von Ehrenamt, Fachwissen und Fördermitteln nicht denkbar gewesen.

Mit dem „Psalterium von Bergen“ startet die Partnerschaft des Historischen Vereins mit dem bayerischen Kulturportal bavarikon
Ganz nebenbei legt die große Reformationsausstellung mit Roland Thiele als Organisationsleiter den Grundstein für die Digitalisierungsprojekte des Vereins auf bavarikon: Aus der Idee, das Psalterium von Bergen online zugänglich zu machen, werden zwei große Forschungsvorhaben, in deren Rahmen fast tausend Objekte der Graßegger-Sammlung und der in ihren Anfängen auf Graßegger zurückgehenden Sammlung zur religiösen Volkskunst erschlossen und ins Netz gebracht werden. Was die Kaufmannsbrüder im 19. Jahrhundert gesammelt haben, wird so in der Gegenwart weltweit sichtbar.
2018 gibt Roland Thiele auf eigenen Wunsch den Vereinsvorsitz ab, um sich mehr seinen eigenen Forschungen widmen zu können. Die Stadt Neuburg hat ihn für seine Verdienste um das Gemeinwohl bereits mit der Bürgermedaille gewürdigt, der Historische Verein ernennt ihn nun zu seinem Ehrenmitglied.
Ehrenamtliches Engagement für die Geschichtsforschung hat eine lange Tradition in Neuburg
Der Blick auf Joseph Benedikt Graßegger, Dr. Michael Henker und Roland Thiele zeigt, wie sehr sich Formen des Ehrenamts geändert haben – und wie gleich der Kern geblieben ist. „Sammeln – Forschen – Bewahren“ ist keine Formel aus einem Ausstellungstitel, sondern der rote Faden, der sich seit fast 200 Jahren durch die Pflege der Neuburger Geschichte zieht. Wer die Neuburger Museen besucht, begegnet den Spuren dieser Persönlichkeiten in Vitrinen, auf Beschriftungen – und auf dem Bildschirm. Und wer genauer hinschaut, entdeckt hinter jedem Objekt nicht nur Geschichte, sondern auch Menschen, die ihre Zeit, ihre Ideen und oft auch ihr Herzblut für Neuburg eingesetzt haben.
Diese drei Persönlichkeiten stehen stellvertretend für viele: Heinrich Feyerlein etwa, der trotz bescheidener eigener Verhältnisse als bedeutender Mäzen für den Historischen Verein und die Stadt Neuburg wirkte und der „still, unermüdlich und ohne öffentliches Aufheben“ (Roland Thiele) als kenntnisreicher Heimatforscher Archive durchforstete und unzählige Aufsätze vor allem im Neuburger Kollektaneenblatt publizierte. Die Geschichte des Neuburger Ehrenamts ist reich an solchen Persönlichkeiten, und sie alle verdienen es, nicht nur in Archiven, sondern auch im Bewusstsein der Stadt lebendig zu bleiben.
Heimatforschung in Wort und Bild
Neben der Vereinsarbeit bleibt Roland Thiele der klassischen Heimatforschung treu: Im „Neuburger Kollektaneenblatt“ publiziert er zahlreiche Beiträge, stellt seine Ergebnisse immer wieder der Öffentlichkeit in Vorträgen vor, erarbeitet eine ausführliche Vereinschronik, transkribiert das genealogische Lexikon von Ignaz Ströller und gibt es online heraus.
Mit der Internetseite „Heimatforschung Neuburg a. d. Donau“ eröffnet er unter anderem und insbesondere mit seinem ständig aktualisierten und erweiterten „Häuserbuch“ einen niedrigschwelligen Zugang zur Stadtgeschichte – ein Beispiel dafür, wie sich auch hier ehrenamtliche Arbeit im digitalen Raum fortsetzt.