„Wie die Jungfrau zum Kind bin ich zum Kino gekommen“

Kinobetreiber und Stadtrat Roland Harsch im Stadtgespräch

Er liebt Neuburg und liebt und lebt Kino: Kreisrat, Stadtrat und Kinobetreiber Roland Harsch. Aus dem Kartenabreißer von einst, der 1989 im frisch eröffneten Hofgartentheater anfing, wurde der selbstständige Kinobetreiber, der das Neuburger Kino im Rennbahn-Gebäude seit dem 1. April 2000 in eigener Regie führte – und am 25. Dezember 2003 zusätzlich mit dem Kinopalast Neuburg noch mehr Kinoträume wahr werden ließ.
Und doch wäre es um ein Haar nie soweit gekommen. Denn seit seiner frühen Jugend wollte Roland Harsch etwas ganz anderes, und zwar mit ganzem Herzen und aus voller Überzeugung: katholischer Pfarrer werden.
Doch wer glaubt, Roland Harsch wäre nur jemand, der sich für Blockbuster und anspruchsvolle Filme sowie das Gesamtpaket aus Kinoerlebnis, Popcorn und coolen Snacks begeistert, der sollte jetzt unbedingt weiterlesen. Denn Roland Harsch ist so viel mehr. Seit 2008 sitzt er für die Freien Wähler im Stadtrat. Davor war er passionierter Sänger in mehreren Chören, Ministrant, Mesner und THWler – ein Vereinsmensch durch und durch. 2013 warf ihn eine schwere Krankheit aus der Bahn. Er kam zurück, dankbar für sein zweites Leben …
Wir treffen ihn im Neuburger Kräutergarten, den er als grüne Oase mitten in der Stadt ebenso besonders mag wie wegen der beeindruckenden Mannschaftsleistung des Neuburger Verschönerungsvereins. Hut ab vor dieser Leistung!
Was bewegt Roland Harsch? Das verrät er uns im Stadtgespräch.

Roland Harsch beim Schloßfest
Roland Harsch beim Schloßfest

Roland, wann wusstest du, dass du dich fürs Kino
begeisterst?

Eigentlich nie. Ich bin zum Kino gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Mit 16 musste ich auf die Fachoberschule nach Ingolstadt, als einziger Neuburger in der Klasse. Nebenher brauchte ich ein wenig Geld. Genau in dieser Zeit, 1989/90, eröffnete das Hofgartentheater neu. Eine Augsburger Betriebsgesellschaft hatte das Kino renoviert und suchte engagierte Mitstreiter. Ich hatte Glück: Eine Woche nach der Eröffnung durfte ich Karten abreißen – mein erster bezahlter Nebenjob.
Lange blieb es nicht beim Abreißen. Bald stieg ich zur Kassenkraft auf und verkaufte die Karten. Das kleine Häuschen, in dem man saß und auf die Gäste wartete, steht heute noch im Rennbahn-Gebäude. Dort habe ich sehr, sehr lange gesessen.
Oben im 1. Stock gab es das Kinocafé. Viele vermissen es. Ich auch. Aber alles hat seine Zeit, und wenn etwas endet, entsteht Neues. Für mich bleibt das Kinocafé ein großer Teil meines Lebens. Denn bald wechselte ich die Location und stieg auf – in den 1. Stock. Die Kasse allein rentierte sich nicht mehr. Kam ein Gast, lief einer von uns aus dem Kinocafé hinunter, verkaufte Karten und machte Popcorn. Es gab ja nur zwei Säle, einen unten, einen oben – das Kleine Haus und das Große Haus.
Angelernt haben mich die Hedda Holtschulte und die Kerstin Schulz. „Schon wieder Frischfleisch“, hieß es, wenn neue Burschen kamen. Die Gastronomie war schon immer ein großer Traum von mir. Mein Cousin Luggi Herbinger, der früher die Blaue Traube führte, war mein Vorbild. So eine eigene
Gastronomie – das wäre mein Wunsch gewesen. Und so war ich sehr zufrieden mit „unserer“ Kinocafé-Gastronomie.
Mein ursprünglicher Berufswunsch aber war Pfarrer. Deshalb die Fachoberschule in Ingolstadt: Ich hatte kein Abitur und ging den zweiten Bildungsweg. Fachoberschule Sozialwesen, danach zwei Jahre Religionspädagogik, dann das Vordiplom – und mit dem durfte man fachgebunden Theologie studieren. So war der Plan.

Und dann?

Ich studierte schon in Eichstätt, fuhr aber jeden Tag heim, weil im Kino so viel zu tun war. Dazu die Vereine: die Landjugend in Feldkirchen, wo ich geboren bin, der Mitarbeiterkreis von Sankt Peter, das THW. Zum THW kam ich, als ich beschloss, doch nicht Pfarrer zu werden. Prompt stand die Musterung vor der Tür. Das THW war mein Schlupfloch an der Bundeswehr vorbei – und ich bin dort bis heute passives Mitglied.
Ein guter Student war ich nie. Ein halbes Jahr lernen und am Ende alles auf einmal abliefern, das war nicht meins. Ich wollte am Abend sehen, was ich geschafft hatte. In der Gastronomie siehst du die zufriedenen Gäste, den gelungenen Abend. Da weißt du: Das hast du gut gemacht. Meine damalige Chefin Ellen Graza spürte das. „Roland, irgendwie passt das besser zu dir“, sagte sie. Sie selbst wollte zurück nach Augsburg, wo die Betreibergesellschaft des Neuburger Kinos ihren Sitz hatte – und bot mir die Filialleitung des Hofgartentheaters an.
Ich nahm es als Auszeit vom Studium, ein Jahr zum Überlegen: Ist das noch dein Weg – oder willst du doch etwas anderes? Ich zog von zu Hause aus, bekam eine Dienstwohnung und übernahm die Filialleitung. Vier, fünf Jahre habe ich das gemacht, bis zum Jahr 2000.
Dann wurde der Satz wahr – über Nacht zum Kino gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Die Betriebsgesellschaft steckte in finanziellen Nöten. Diese besaß mehrere Häuser: eines in Ulm, eines in Augsburg, eines in Neuburg. Der Neuburger Vertrag wurde nicht verlängert, sondern aufgelöst, am Ende gerichtlich.
„Über Nacht“ deshalb, weil ich von der Richterin in München erfuhr, dass ich am nächsten Tag arbeitslos sein würde: Das Haus ging zurück an den Vermieter.
Für Neuburg war immer ich „der Kinomann“. Die Augsburger Köpfe sah man nicht, es hieß nur: „Das macht der Harsch, das macht der Roland.“ Blieb eine Rechnung offen, war nicht die Gesellschaft schuld, sondern der Roland. Also sorgte ich dafür, dass Lieferanten und Personal pünktlich ihr Geld bekamen. Es wurde immer schwieriger, doch irgendwie hielten wir den Laden am Laufen.
Mit der Familie Schreiner verhandelte ich nach zähem Ringen einen neuen Mietvertrag – auf meinen Namen. Ich machte mich selbstständig – für meine Eltern war das ein Schock. Sie hätten lieber gesehen, dass ich einen Beruf lerne und angestellt arbeite; Selbstständigkeit war nicht ihre Welt. Ein bisschen Sturkopf war ich aber auch. Am 1. April 2000 – kein Aprilscherz – übernahm ich mit eigener Firma das Hofgartentheater. So bin ich zum Kino gekommen.

Ehrung
Ehrung im Neuburger Kinopalast

Und dann hast du dem Neuburger Kino und dem Kinocafé durch deine Ideen und deinen Einsatz Kultstatus verlieren – bis heute.

Das war ich ja nicht allein! Das ganze Personal zog mit, zwei Generationen, die Esprit und ganz viel Begeisterung versprühten. Ich hatte ein wahnsinnig tolles Team. Denke nur an die Sommerakademie mit ihren langen Nächten. Wir sitzen hier im schönen Kräutergarten – früher gab es so etwas kaum. Ende der Neunziger saß niemand loungemäßig draußen. Ein Biergarten war ein Biergarten, mehr nicht.
Oben im Kinocafé hatten wir im Sommer 28, 30 Grad und keine vernünftige Lüftung. Wir schwitzten – und die Leute kamen trotzdem. Nach den Konzerten der Sommerakademie feierten wir bis drei, vier Uhr früh. Ich erinnere mich an Philippe Loli mit seiner Gitarre, jemanden am Klavier und eine Tänzerin, die sich halbnackt auf dem Flügel räkelte. Das waren Geschichten.
Das Besondere am Kinocafé, das vergesse ich nie: Besonders als Frau konnte man abends allein kommen – es waren immer nette Menschen da. War man zuerst allein unterwegs, setzte man sich auf die Fensterbank und wartete. Bald kam jemand Bekanntes: „Komm, ratschen wir.“ Unser Kinocafé war ein Begegnungsort. Und am Wochenende lag es im Bermudadreieck: erst Kinocafé, dann Sonderbar, später noch ins Hertlein.

Bleibt die Frage: Wo kommt der Kinopalast ins Spiel?

Schon als Filialleiter wusste ich, dass das Hofgartentheater dringend saniert gehörte. Heute darf man es offen sagen: Der bauliche Zustand war schlecht. Ich sage nur „Toiletten“. Eine Lüftung gab es nicht, und längst nicht alles entsprach den Vorschriften für eine Versammlungsstätte – damals nahm man das noch nicht so streng. Ein altes Haus eben. Doch der damalige Besitzer hatte die Sanierung nicht im Kreuz.
Es gab Bestrebungen, auch aus Augsburg: Das leerstehende Hotel Rennbahn wurde mit angemietet, man überlegte, aus dem Komplex etwas zu machen. Außer netten Gesprächen kam nichts dabei heraus. Mir war klar: Irgendwann müssen wir handeln, sonst fällt uns das Haus zusammen oder es wird von Amts wegen geschlossen – und Neuburg steht ohne Kino da.
Ende 2002, Anfang 2003 lernte ich durch Vermittlung des Bauunternehmers und Stadtrats Hans Mayr einen großen Kinobetreiber kennen: Alfred Speiser. Er wollte in Neuburg ein Kino bauen, aber nur gemeinsam mit dem Kino-Mann vor Ort. „Wenn da einer ist, mache ich es mit dem zusammen“, das war sein Standpunkt. So kam unser Treffen zustande.
Auf Anhieb verstanden wir uns und es war klar: „Das machen wir zusammen!“ – Aus dieser verrückten Idee entstand der Kinopalast. Denn wir wussten: Neuburg braucht einen neuen Standort, weil sich im Hofgartentheater und in der Rennbahn nichts bewegte.
Nach mehreren Standortprüfungen brachte Hans Mayr die zündende Idee auf den Tisch: das insolvente Opel-Willner-Gelände stand leer. Damals stand dort ein Supermarkt, dazu kamen ein Autoteile- und ein Getränkemarkt, später eine Bowlingbahn, die leider nicht funktionierte, und später Sport Dünstl. Das Kino war neben dem „Penny“ der zweite fertige Baustein – im Jahr 2003. Speiser, der schon viele Kinos hatte, brachte einen fertigen Plan mit.
Ein gewagtes Unternehmen – und dann meinen Eltern zu sagen: „Ich baue jetzt ein Kino“ … Als Sohn einer ganz normalen Arbeiterfamilie, die Mutter kümmert sich um die Familie, der Vater verdient in der Fabrik das Geld, erntet man für solche Ideen erst einmal Stirnrunzeln. Aber ich ging meinen Weg.
2003 gründeten wir die Kinobetriebe GmbH. In der Rekordzeit von drei Monaten machten wir aus dem Standort „ehemals Opel Willner“ ein Kino – von den ersten Baumaßnahmen bis zur Eröffnung. Eröffnet wurde am 25. Dezember 2003, am ersten Weihnachtsfeiertag. „Liebe Bauarbeiter“, bat ich immer wieder „egal wie, an Weihnachten müssen wir fertig sein.“ Denn die umsatzstärksten zwei Wochen liegen für einen Kinobetreiber zwischen Heiligabend und Heilig Dreikönig. Wer erst im Januar aufmacht, verliert sie.
Am 24. Dezember haben wir vormittags noch geputzt, versiegelt und Wände gestrichen, nachts die Theken eingeräumt. Es war mein altes Hofgartentheater-Team – wir stellten niemanden neu ein, sondern teilten uns auf zwei Standorte auf und betrieben beide. Heiligabend feierte jeder zu Hause. Am ersten Feiertag standen alle wieder auf der Matte. Nachmittags sperrten wir auf – Full House. Darauf bin ich bis heute stolz.
Es war eine große Investition: eine halbe Million. Für jemanden, der nicht viel verdiente, sehr viel Geld. Meine Einkünfte aus dem Hofgartentheater und meine Ersparnisse legte ich zusammen, um die Bank zu überzeugen. Ich besorgte Fördergeld, machte Pläne, brauchte Gutachten – und musste die Bank dazu bringen, auf mein Geld noch einiges draufzulegen, damit ich auf die 500.000 kam. Das kostete viele schlaflose Nächte.
Ich erinnere mich gut: Das Kino war fast fertig, ich saß im Roma, bei meinem Lieblingsitaliener bei Chico, Toni und Irena, und bestellte Nudeln. Zwei Gabeln, dann gab ich zurück – ich bekam keinen Bissen runter. In Wahrheit überkamen mich Sorgen: Denn die Rechnungen wurden gestellt , aber die Förderung und das Geld ließen auf sich warten. Und wer eine Rechnung hat, will sie zahlen, nicht hinauszögern. „Hoffentlich hast du dich nicht übernommen“, dachte ich. Aber wir haben es geschafft. So steht der Kinopalast da – Heuer schon seit 23 Jahren. Das Hofgartentheater habe ich bis Ende August 2010 betrieben. Baron von Peccoz hatte mir leider gekündigt, und wir mussten die Räume zum 1. September 2010 zurückgeben. Ich hatte gute Ideen für die Rennbahn und das Kino … aber er wollte nicht!

Kindheitsfoto von Roland Harsch
Kindheitsfoto von Roland Harsch

Du bist in Feldkirchen aufgewachsen. Hast du Geschwister, und wart ihr eine eingeschworene Gemeinschaft?

Feldkirchen war ein wunderschöner Ort zum Aufwachsen. Ich habe einen Bruder, sechs Jahre älter als ich. Wir waren immer mit vielen Kindern unterwegs, es war eine andere Zeit: In den Kindergarten gingen wir nicht; die Mütter waren oft zu Hause, und vormittags versorgten wir uns selbst. Langweilig wurde es nie. Mal bauten wir etwas, mal trafen wir uns am Spielplatz.
Feldkirchen liegt direkt am Übergang von der Stadt zur Natur. Man ging zum Bachweiher hinunter oder in den Sehensander Wald hinaus. Es gab sogar eine Müllgrube – für uns Kinder ein herrlicher Abenteuerspielplatz. Einige Freundschaften aus dieser Zeit halten sich bis heute.
Auch da festigte sich bereits der Bezug zur Gastronomie, die ich mir immer wünschte: Die Pfarrei Sankt Peter baute in Feldkirchen ein Jugendheim. Ich wurde Gruppenleiter und richtete dort ein kleines Jugendcafé ein. Sonntags traf sich alles, was wir kannten. Unsere Eltern wussten, wo wir waren: in der Kirche oder im Jugendheim, wo wir Partys, Workshops und Veranstaltungen organisierten. Das Vereinsleben habe ich schon früh für mich entdeckt.

Und damals hat die Kirche für dich so eine besondere Rolle gespielt, dass du Pfarrer werden wolltest?

Natürlich. Ich war Ministrant in Sankt Peter und bin katholisch erzogen. Aber die Intention ging von mir aus. Meine Eltern haben mich zu nichts gezwungen. Ihr Grundsatz war: „Wenn du eine Entscheidung triffst, musst du dazu stehen.“ Sie setzten uns gute Leitplanken, doch innerhalb derer ließen sie meinem Bruder und mir alle Freiheit.
Über die Landjugend war die Verbindung von Religion und Jugendarbeit immer da. Eine tolle Zeit – man lernte viel, übernahm Verantwortung, organisierte und durfte auch Fehler begehen, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Allein im Jugendcafé habe ich enorm viel gelernt; oft waren 30 bis 40 Leute da. „Das ist unsers“ – darauf waren wir alle stolz. Was heute das Jugendzentrum bietet, stellten wir damals im Kleinen für unsere Ortsgruppe auf die Beine.

Kommunalpolitik
Der Kommunalpolitiker

Und wie hattest du bei diesen vielen Aktivitäten noch Zeit und Interesse für die Kommunalpolitik?

Es begann mit dem Wahlkampf 2008. Schon 2007 ließen Klaus Brems und Rudi Nießner nicht locker: „Du musst kandidieren.“ Sie wussten, dass ich bekannt war wie ein bunter Hund – mit Kinopalast, Hofgartentheater plus Kinocafé, und durch mein Lieblingshobby, das Singen. Ich war in mehreren Chören, dazu Ministrant und Aushilfs-Mesner. Bei einer Wahl zählt, dass die Leute dich kennen.
Eigentlich wollte ich nicht kommunalpolitisch aktiv werden. Sieben Jahre selbstständig, zwei Häuser – ich hatte genug zu tun und wollte für alle offen sein, nicht nur für eine Seite. Aber die Freien Wähler sind offen für alle. Schließlich unterschrieb ich und kandidierte. Das Ergebnis 2008 hat mich gefreut: Aus dem Stand hatte ich, glaube ich, das drittbeste aller Stadträte. Das hat mich bestärkt – und sehr motiviert.
Heute befinde ich mich in der vierten Legislaturperiode, bis 2032. Es war eine bewusste Entscheidung, jetzt nochmal anzutreten, weil wir gerade einen Generationenwandel erleben: Junge und Ältere müssen sich beschnuppern, sich ausgleichen und Ideen gemeinsam umsetzen. In sechs Jahren aber, mit 59, sollen die Jungen das Ruder übernehmen. Bis 66 will ich es nicht machen. Vier Legislaturperioden, 24 Jahre – das reicht. Dann wartet ein neues Projekt.

Du hattest auch einen Schicksalsschlag, der viele Neuburger erschreckt und großes Mitgefühl ausgelöst hat. Und du bist wieder ganz gesund daraus hervorgegangen.

Eigentlich bin ich ein gesunder Mensch. Mein größtes Leiden war der Heuschnupfen. Als Kind hat er mich furchtbar erwischt. Manchen Sommer verbrachte ich im abgedunkelten Zimmer, nasse Waschlappen über den Augen – die guten Medikamente von heute gab es noch nicht. Rund ums Haus war nur Feld, Weizen und Wiese. Wenn der Bauer etwas machte, hieß es: ab ins Zimmer, Fenster zu. Sekunden später kam schon der allergische Schock. Sonst war ich kerngesund. In der Schulzeit war eine Woche Masern mein höchster Krankenstand.
Dann kam der November 2013. Ich wollte gerade zur Kino-Preisverleihung nach Abensberg aufbrechen, für den Kinopalast hätte es einen Preis gegeben. Vorher fuhr ich mit dem Auto noch den Müll hinters Haus zum Container. Auf dem Hof war ich nicht angeschnallt. Dann hatte ich einen kompletten Aussetzer. Das Auto fuhr von allein gegen den Metallpfosten bei Sport Dünstl. Ohne Gurt schlug mein Kopf ins Glas. Die Ursache ließ sich nie klären. Der Notarzt kam und merkte: Ich war weg.
Ich hatte wahnsinniges Glück. Das erste: Die Neuburger Ärzte erkannten sofort, dass das kein Fall für Neuburg war, und veranlassten den Transport nach Ingolstadt. Dort übernahm Professor Asgari mit seinem Team. Man legte mich ins Koma. Diese Zeit war schwer – ich erlebte die Zeit im Koma als furchtbaren Albtraum.
Das zweite Glück: Professor Asgari gehört zu den besten Aneurysma-Experten Deutschlands. Als ich erwachte, konnte ich mich an alles erinnern, mich bewegen, sprechen. Ich wusste sogar die PIN für mein Online-Banking. Das war wichtig: Ich machte die Buchhaltung allein, meine Buchhalterin hatte den Code nicht, und ich war lange ausgefallen. Ich erinnerte mich auf Anhieb. „Er scheint ohne größeren Schaden durchgekommen zu sein“, hieß es.
Danach stand zuerst eine vermeintlich kleine Operation an: Der Beatmungsschlauch musste heraus. Dabei wäre ich fast gestorben. Die Ärzte retteten mein Leben – doch der Eingriff verletzte meine Stimmbänder. Seither kann ich mein großes Hobby, das Singen, leider nicht mehr ausüben.
Dann die Nachricht: Die Untersuchungen hatten ein Aneurysma im Kopf gefunden. Das müssen sie operieren. Eine schwere Entscheidung. Ich schickte sogar meine Eltern weg, weil ich die Vorstellung nicht ertrug, dass jemand meinen Schädel öffnet. Ich hatte furchtbare Angst. Der Nachtpfleger sprach mir Mut zu: Professor Asgari wisse, was er tue, ich hätte perfekte Leute um mich, ich müsse vertrauen. Es gab keinen anderen Weg.
Die Operation dauerte über zehn Stunden. Sie war sehr kompliziert – bis man am Ende feststellte: Das Aneurysma liegt zu tief und war mit nur zwei Millimetern noch zu klein, um es zu erreichen. Man hörte auf: „Wir wissen jetzt, wo es liegt, aber entfernen können wir es im Moment nicht“, das war die Meinung des Ärzteteams. Ich machte Fortschritte, wurde um den Heiligdreikönigstag entlassen und kam in die Reha. Wieder ein Glücksfall.
Was ich daraus mitnehme? Ich bin zutiefst zufrieden, ich hatte Glück und einen großen Beschützer. Es ist ein Geschenk, wie ein zweiter Geburtstag. Ein paar Freunde schicken mir bis heute am Unfalltag ihre Glückwünsche dazu.
Ein halbes Jahr später, bei der Nachkontrolle, war das Aneurysma von zwei Millimetern auf zwei Zentimeter gewachsen – kurz vor dem Platzen. Ich musste sofort wieder operiert werden. Wieder Glück im Unglück: In vier Stunden wurde es „geclipt“, die Gefahr war gebannt. Nach fünf Jahren war ich noch einmal zur Kontrolle. Jetzt ist alles – toi, toi, toi – bestens.
Ein Aneurysma kann man nicht planen. Eine so tiefe Untersuchung macht man nur bei konkretem Verdacht. Wer bloß über Kopfschmerzen klagt, bei dem bleibt es oft unentdeckt. Es ist nichts Seltenes, es kann jeden treffen, und schützen kann man sich kaum. Ich hatte Glück. Seither sehe ich vieles gelassener – es gibt so viele wichtigere Dinge, als sich zu verbeißen … zum Beispiel Zufriedenheit.

Piano Abend im Jens Lohse - Musik und Gesang als Hobby
Piano Abend im Jens Lohse – Musik und Gesang als Hobby

Was sind deine Lieblingshobbies?

Zwei Dinge. Erstens das Singen. Ich habe sehr gern gesungen, auch im Chor. Gleich um die Ecke, im blauen Turm der Volkshochschule, war unser Probenraum. Dort gab mir Julia Israelian von Anfang an Gesangsunterricht – eine Opernsängerin und Gesangslehrerin aus Georgien, die mit dem Georgischen Kammerorchester nach Ingolstadt gekommen war. Heute gibt sie ab und zu noch kleine Konzerte mit ihrer Klasse.
Ich war ein hoher Tenor und konnte richtig gut singen – im Chor Windrose, im Liederkranz und im Jugendchor von Sankt Peter. Singen ist ein bisschen wie ein Geschenk: Du brauchst nichts dazu, keine Leute, keinen Ort, kein Instrument. Du legst einfach los. Beim Zeltlager saßen wir mit der Gitarre ums Feuer. Beim Jahreskonzert der Stadtkapelle in der Parkhalle durfte ich einmal „Nessun Dorma“ singen, vor rund 800 Gästen. Einer meiner größten Auftritte. Es war wunderschön.
Mein zweites großes Hobby ist das Reisen. Nach Corona ging das seltener, doch davor zog es mich oft nach Asien. Seit 2008 verbindet mich eine Freundschaft mit einer Familie in Sri Lanka. Davor war Vietnam eines meiner Hauptziele. An beide Länder knüpfe ich wunderbare Erinnerungen, auch an Indonesien – über Freunde kam ich nach Bali, ein sehr schöner Ort. Doch am tiefsten verbunden bin ich mit Sri Lanka und Vietnam.
Warum Vietnam? Auch das hat mit meiner „Kinogeschichte“ zu tun. Als das Haus hier neu aufmachte, hatte die Augsburger Betriebsgesellschaft einen Vorführer: Truong Le Duc, bis heute Filmvorführer in Memmingen. Zu DDR-Zeiten war er aus
Vietnam ins „Bruderland“ nach Berlin gekommen und dort zum Filmvorführer ausgebildet worden. Als die Mauer fiel, durfte er in den Westen – und landete im Hofgartentheater. So hatten wir mit Truong Le Duc einen perfekt ausgebildeten Techniker.

Roland Harsch auf Reisen
Roland Harsch auf Reisen

Und diesen Sommer überraschst du Neuburg mit einem Sommerkino Open Air …

Zweimal habe ich bislang ein Sommerkino in Neuburg versucht. Die Augsburger Gesellschaft hatte viele davon, zwei in Augsburg, eines in Ulm. In Neuburg probierten wir es am Schrannenplatz: eine Katastrophe. Dann unten am VfR – schwierig wegen des Wetters, der Kälte der Donau und der Anwohner oben auf der Luisenhöhe, die abends keine Filme hören wollten. Auch das war kein Erfolg.
Da beschloss ich: Kein Open-Air-Kino mehr in Neuburg ohne den optimalen Platz – ein geschlossener Bereich mit guter Zufahrt, Toiletten, Stromversorgung und ohne Anwohner, die sich gestört fühlen könnten. Den habe ich in Neuburg bis heute nicht gefunden.
In Rain am Lech geht heuer zum 9. Mal unser Sommerkino in Rain über die Bühne. Die Stadt hat genau so einen Platz, wie ich es mir wünsche, und unterstützt das Ganze als Veranstalter. Rain möchte im Sommer eine Kulturveranstaltung für die Bürger bieten, die nicht in Urlaub fahren. So passte das Konzept von Anfang an.
In Neuburg wusste ich: Das muss ich selbst stemmen. Als Kinobetreiber kann ich die Stadt schlecht um Geld bitten, es gibt hier so viele andere Dinge. Heuer aber kam ein Gespräch mit Barbara Wild und Patrick Scheurer von der Neuburger Rundschau zustande: Die Zeitung wird 75 Jahre alt und wollte etwas veranstalten – ein Film im Sommer, eine schöne Idee. Zeitung und Kino zusammen, das ist für mich eine tolle Kooperation.
Ich machte mich auf die Suche, ging meine alte Liste der Plätze durch und fragte herum. Im Frühjahr war vieles längst bereits „gebucht“. Manche Location erwies sich als zu klein, ein anderer zu kompliziert – mal wegen des Anwohnerthemas, mal wegen der Zufahrt. Und ein Platz war zwar riesig, hätte aber besonders viel Aufsicht und Security gebraucht. So kam ich auf den Juliusbräu. Dort war man offen: „Wir schenken gern Bier und Getränke aus.“ Für alle Beteiligten von Anfang an eine gute Partnerschaft.
Wir haben heuer einen super Film am Start: Endlich kommt das „Steckerlfisch-Fiasko“ – wieder ein Eberhofer-Krimi. Der letzte Film war 2023 das „Rehragout-Rendezvous“. Offiziell starten wir am 7. August und spielen bis zum 15. – Freitag, Samstag, Sonntag. Dann Montag bis Dienstag Pause, und wieder vom 13.8. bis 15.8. – auch am Mittwoch bis Samstag.
Im Mittelpunkt steht das „Steckerlfisch-Fiasko“, das am Dienstag anläuft. Aber auch sonst freuen wir uns heuer über eine Fülle toller deutscher Filme: „Ein fast perfekter Antrag“, der in Regensburg spielt, mit Iris Berben und Heiner Lauterbach; „Extrawurst“ mit Hape Kerkeling; den „Münchner im Himmel“, der gigantisch läuft; dazu ein schöner deutscher Familienfilm. Einen amerikanischen Titel brauchen wir wohl gar nicht. So viele deutsche Filme kommen beim Publikum großartig an.
Im Open-Air-Kino zeigen wir Filme, nach denen man mit einem Lächeln nach Hause geht. Probleme haben wir genug. Umso schöner ist es, sich auf diesen analogen Ort einzulassen.

Das Kino als analoger Ort – warum liegt dir das so am Herzen?

Ich betone es immer wieder: Mit dem Kino betreten wir einen analogen Ort, vergleichbar mit einem Restaurant. Auch das Restaurant wird sich digital nie ersetzen lassen. Genauso ist es, sich auf einen Film einzulassen: ihn im abgedunkelten Raum in sich aufzunehmen, mitzuerleben und ihn danach mitzunehmen. Vielleicht lässt er einen am nächsten Tag nicht los. Dieses analoge Erleben spürt man nur mit dem ganzen Körper, mit voller Aufmerksamkeit.
Deshalb glaube ich, dass es das Kino auch in Zukunft geben wird. Ginge uns diese analoge Gefühlswelt verloren, wäre das sehr schade. Ich spüre es bei Kindern und Jugendlichen, dass deren Aufmerksamkeits-Spanne auf Sekunden schrumpft. Umso mehr freue ich mich über jedes Kind, das noch Bücher liest und sich diese Zeit nimmt – körperlich wie geistig.
Sich hinsetzen, sich auf einen Film einlassen, ihn genießen:
Mal regt er zum Nachdenken an, mal zum Lachen, mal zum Schenkelklopfen. All das sind analoge Erlebnisse, die immer seltener und gerade deshalb immer wertvoller werden.
Und Kino ist vor allem eines: ein Ort der Gemeinschaft und der großen Momente!
Kino – dafür werden Filme gemacht!