Sie ist die erste Frau im Bürgermeisteramt von Neuburg nach Elke Heyne. Seit 2002 hat es fast ein Vierteljahrhundert gedauert, bis in der Stadtführung wieder eine Frau im Bürgermeisteramt vertreten ist. Außerdem ist sie die erste Bürgermeisterin in Neuburg überhaupt mit Migrationshintergrund.
Helena Schlusnus ist nicht nur seit ihrer Wahl ins Bürgermeister-Amt Stadtgespräch. Denn ihre vielfältigen Erfahrungen, Interessen und Qualitäten bringt sie seit 1 1/2 Jahren stetig und beherzt in die Kommunalpolitik ein.
Wir freuen uns, sie euch in unserem HALLO Neuburg Stadtgespräch vorstellen zu können.
Helena, du hast in der konstituierenden Sitzung des Stadtrates am 12. Mai dieses Jahres für eine große Überraschung gesorgt, als du zur 3. Bürgermeisterin gewählt wurdest. Viele Menschen, die dich noch nicht persönlich kennengelernt haben, sind sicher gespannt, in unserem Stadtgespräch mehr von dir zu erfahren. Deshalb: Wie bist du nach Neuburg gekommen und was verbindet dich mit Neuburg?
Ich bin 1986 in Kasachstan geboren worden und im Alter von sieben Jahren nach Deutschland gekommen. Meine Eltern, meine jüngere Schwester und ich sind Spätaussiedler. Es war um Weihnachten herum, als wir im Norden Deutschlands in einem Auffanglager angekommen sind. Nach einigen Wochen ging es für uns nach Neuburg. Der Schneider-Bräu in Rohrenfels war unsere erste Unterkunft – wir hatten als Familie nur ein Zimmer und waren mehrere Familien in einer Wohnung.
Von diesem Punkt aus begann unser Leben in Deutschland. Wir mussten uns hier aber erst einmal zurechtfinden. Und dieses neue Leben organisieren. Etwa ein halbes Jahr später sind wir ins Ostend gezogen.
Meinen Eltern war Bildung immer unglaublich wichtig. Genauso wie der Wunsch, sich etwas Eigenes aufzubauen. Mein Vater hatte zeitweise drei Jobs – einen Hauptjob und zwei Nebenjobs. Meine Mutter hat neben ihrer eigentlichen Arbeit zusätzlich geputzt. Nicht, weil das Geld sonst nicht gereicht hätte, sondern weil beide nach Deutschland gekommen waren, vieles zurückgelassen hatten und hier wirklich etwas aufbauen wollten. Für meine Eltern, ganz besonders für meinen Vater war es deshalb wichtig, irgendwann ein Eigenheim haben zu können – darauf hat er hier mit aller Kraft hingearbeitet.
Ich war die Erste in unserer Familie, die studiert hat. Die Erste, die in die Politik gegangen ist. Und vielleicht habe ich mich deshalb auch immer ein bisschen als die Revoluzzerin gesehen.
Gerade in einer sehr patriarchalisch geprägten Familie war das nicht immer einfach. Aber den Status quo einfach hinzunehmen, lag mir eigentlich noch nie besonders.
Bei uns zu Hause war Leistung immer etwas sehr Zentrales. Wer etwas erreichen will, muss mehr machen als das Nötigste. Die Extrameile gehörte irgendwie dazu.
Ich glaube, genau das hat mich stark geprägt: dieser Wille, sich etwas aufzubauen, nicht stehenzubleiben und Dinge nicht einfach deshalb zu akzeptieren, weil sie schon immer so waren.
Nach meinem Abitur 2006 am Neuburger Gymnasium habe ich mich für ein Studium entschieden. Ich war schon immer von Technik und Naturwissenschaften begeistert und habe an der TU in München mein Studium der Technomathematik begonnen. Dabei geht es darum, mathematische Methoden zur Lösung technischer und industrieller Probleme anzuwenden. Neben Mathematik befasst man sich dabei mit Mechanik, Informatik und Maschinenbau oder Elektrotechnik.
Ich war immer gern in München – aber ich habe damals trotzdem wertschätzen gelernt, was eine Kleinstadt gegenüber einer Großstadt für Vorteile bietet. So habe ich Neuburg nie aus den Augen verloren. Mein Freund wohnte damals in Neuburg – und ich bin immer zwischen Neuburg und München hin- und hergependelt. Nach dem Studium und einem Jahr Arbeit in Manching haben wir uns gemeinsam für Neuburg als unseren Lebensmittelpunkt entschieden. Das war 2012.bWeil wir beide Familienmenschen sind und auch Kinder zu unserem Leben gehören sollten, haben wir ein Haus gebaut. Seitdem sind wir hier – bis auf die drei Jahre, die wir zwischenzeitlich in China verbracht haben.

Wie bist du denn nach China gekommen?
Über mein Studium habe ich mich schnell in der Software-Entwicklung wiedergefunden. Dieser Bereich hat mich auch während meiner Arbeit nicht losgelassen. Ich war bei einem Zulieferer für AUDI angestellt. Meine Aufgabe hatte mit der Entwicklung von Fahrer-Assistenzsystemen zu tun. Hier war ich in unterschiedlichen Bereichen unterwegs. Unter anderem war ich eingeladen, ab 2019 nach China mitzukommen und dort einen Standort mit aufzubauen.
Blieb denn neben dieser Herausforderung auch Zeit, Land und Leute kennenzulernen?
Auf jeden Fall, denn genau das war mir wichtig. Wenn man länger beruflich im Ausland lebt, bewegt man sich schnell in einer eigenen Bubble. Ich wollte deshalb bewusst die Menschen vor Ort und ihren Alltag kennenlernen.
Zu einigen Kolleginnen und Kollegen von damals habe ich bis heute Verbindung. Manche leben inzwischen selbst in Deutschland, und wir treffen uns regelmäßig zum Kochen. Mit einer ehemaligen Kollegin tausche ich mich noch immer darüber aus, wie es unseren Familien geht und wie sich unser Leben entwickelt.
Mir ist wichtig, solche Lebensabschnitte nicht einfach hinter sich zu lassen und die Tür zu schließen. Sie gehören zur eigenen Geschichte – und man weiß nie, wohin das Leben einen noch führt.

Du hast zwischenzeitlich einen ganz anderen Beruf
ergriffen – wie kam es dazu?
Schon während meiner Studienzeit habe ich bemerkt, dass es mir schwerfällt, nur immer eine Sache zu machen. Da wird es mir schnell langweilig. So habe ich mir bereits damals etwas gesucht, wo ich mich nicht nur mit Mathematik befasse. Mich hat auch immer interessiert, wie Unternehmen funktionieren.
Und an der TUM, der Technischen Universität München gibt es auch die UnternehmerTUM. Damals gab es ein relativ neues Programm, es hieß „Manage and More“. Hier bestand die Option für 20 Studierende pro Semester, sich darauf zu
bewerben und dann außerhalb des Studiums unternehmensnahe Projekte zu übernehmen. Ich wurde genommen – und hatte seitdem eigentlich immer im Hinterkopf: Eigentlich würde ich gern gründen und eigentlich würde ich gern mein eigenes Unternehmen führen.
Aber es hat doch noch etwas gedauert, bis sich die Sicherheit, die ich mir für unser Leben als junge Familie gewünscht habe, eingestellt hat. Und ich mir die Frage „wo willst du eigentlich hin?“ wieder stellen konnte. Irgendwann hat die Angst, es nicht versucht zu haben, ein eigenes Unternehmen aufzubauen, die Angst überwogen, damit zu scheitern. Auch wenn die Idee vielleicht noch nicht da war, habe ich mir weiterhin Fragen gestellt: Was kann ich gut? In welche Richtung entwickle ich mich? Und irgendwann kam der Punkt, dass ich mich in dem sicheren Angestellten-Dasein nicht mehr gesehen habe. Ich habe mir gesagt „jetzt oder nie!“ – und habe gekündigt.
Es gab so viele Momente, wo ich aufgeben wollte, weil der vermeintlich sichere und gut bezahlte Job einfacher wäre. Aber hier kommt mir dann der Satz einer Schülerin in der 3. Klasse bei meiner allerersten Stunde in den Sinn: „Danke, dass Sie das als Frau machen.“ – Wir sind Vorbilder nicht nur für unsere Kinder. Und schon allein dadurch, dass wir einen neuen Weg gehen, schaffen wir Möglichkeiten für die nächste Generation.
Heute unterrichte ich Kinder und Jugendliche und biete Workshops und AGs rund um Mechanik, Robotik und Programmierung an. Dabei arbeiten wir viel mit Baukastensystemen, mit denen die Kinder mechanische Zusammenhänge selbst kon-struieren und ausprobieren können.
Mir geht es darum, Technologie nicht nur zu erklären, sondern sie begreifbar zu machen – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Kinder bauen selbst, probieren aus, scheitern auch einmal und finden eigene Lösungen. Genau dadurch entsteht Technologiekompetenz, die sie für ihre Zukunft brauchen.
Arbeitest du da mit Schulen zusammen und mit Vereinen oder wie kann man sich das vorstellen?
Angefangen habe ich tatsächlich mit Schulen. Die Grundschule im Englischen Garten war meine erste Schule. Dort habe ich wichtige Erfahrungen gesammelt, weil ich ja eben nicht aus dem Pädagogischen komme, sondern aus dem Technischen. Und dann ist es gewachsen. Ich habe aktuell drei Schulen, wo ich feste AGs anbiete. Ich kann aber auch zu Projektwochen in die Schule kommen, wo ich ganze Klassen habe. Ich biete auch Ferienworkshops an und habe verschiedene Partner, mit denen ich zusammenarbeite. Zum Beispiel in Manching das Programm Ferienpass und außerdem die Bürgerhäuser hier vor Ort, aber auch die THI.
Wie alt sind deine Kinder? Und haben die so ein bisschen was von dir mitbekommen, diesen Entdeckergeist im Bereich MINT – oder diese soziale Ader?
Meine Kinder sind acht und elf Jahre alt. Ich bin durch meine elfjährige Tochter überhaupt zu dem gekommen, was ich jetzt mache. Sie hatte damals einen ganz starken Antrieb, mit Lego Technik zu spielen. Ich habe mir also überlegt, wie ich sie fördern kann … und so kam ich überhaupt dazu. Meine Kinder sind von Anfang an immer auch bei den Kursen mit dabei gewesen. So sind beide in den technischen Bereich mit hineingerutscht. Mich berührt aber auch sehr, dass sie für ihr Alter schon sehr empfindsam sind für soziale Themen und Brennpunkte. Sie nehmen das sehr empathisch wahr. Und wir sprechen auch ganz oft darüber zu Hause. Das ist mir sehr wichtig. Es geht um meine Kinder. Aber es geht auch um die Kinder und Jugendlichen in unserer Gesellschaft … was bewegt die Kinder heute? Wohin entwickelt sich die Jugend?
Und dein Partner – habt ihr zusammen studiert? Du meintest ja, ihr seid seit dem Abitur zusammen.
So ist es. Wir haben uns über drei Ecken kennengelernt. Sein damaliger bester Freund war mit meiner Cousine liiert. Und irgendwie meinten die beiden, das wäre eine gute Idee, wenn sie uns vorstellen. Das war sehr lustig, weil wir uns beide nicht vorstellen konnten, dass das mit uns funktioniert. Und dann, kurz vorm Abitur, kamen wir dann doch zusammen und seitdem sind wir liiert – seit mittlerweile 20 Jahren … Aber er hat nicht studiert, sondern seine Ausbildung bei seinem Papa gemacht in einem Fliesenleger-Betrieb. Er hat dann aber bemerkt, dass er da nicht bleiben möchte und ist in die Industrie gegangen.

Wer gehört noch zu eurer Familie?
Unser erstes Kind, sage ich immer, war ein Husky. 2011 haben wir uns einen Husky geholt; sie hat seitdem unser Leben bereichert. Ich würde nie mehr ohne Hund sein wollen. Ein Hund bringt mich nach draußen – und ich habe eine ganz andere Sicht auf Neuburg. Natürlich bin ich auch gerne in der Innenstadt unterwegs – aber ich weiß auch, was in den Wäldern um Neuburg herum los ist. Das habe ich meinen Hunden zu verdanken. Dieser Husky ist leider dieses Jahr eingeschläfert worden.
Doch vor drei Jahren kam ein zweiter Hund zu uns. Das ist kein Husky, sondern eine Mischlings-Hündin aus dem Tierschutz. Auch mit Husky-Genen, aber auch etwas vom Weißen Schäferhund und noch ein paar anderen Rassen. Damals bin ich extra für ein paar Stunden nach Mallorca geflogen, habe sie geholt und bin wieder zurück, weil es anders nicht ging.
Du bist noch nicht lange Parteimitglied – aber du hast in der Kommunalpolitik bereits deutliche Spuren hinterlassen. Was hat dich bewogen, in die Politik zu gehen?
Die Bundestagswahl 2025 hat mich sehr beschäftigt – ich bin normalerweise nicht von einer Wahl so nachhaltig tangiert. Irgendwann habe ich mich gefragt: „Warum eigentlich? Warum beschäftigt es mich so?“ – Mein Papa hatte einen Satz zu mir gesagt, der mich sehr berührt hat: Er ist nach Deutschland gekommen, weil er uns ein besseres Leben ermöglichen wollte – und jetzt hat er Angst um seine Enkelkinder.
Dieser Satz hat mich nicht losgelassen. Ich habe mir gedacht: „Was passiert eigentlich bei uns gerade – und was sind die Hintergründe?“ Denn vieles, was man in der Zeitung liest, ist schon sehr meinungsbildend. Aber was passiert eigentlich im Hintergrund – bekomme ich das selbst mit? In welcher Bubble befindet man sich?
Und ab diesem Zeitpunkt spürte ich einen gewissen Unmut. Ich wollte mehr wissen. In die Kommunalpolitik reingestolpert bin ich dann eigentlich zufällig. Wobei ich mir immer denke, es gibt keine Zufälle im Leben, sondern es sind Pfade, die gelegt sind – und entweder man kann sie gehen oder nicht.
Dann hat sich das zufällig ergeben mit der SPD. Ich habe mir gedacht, ich möchte nicht mehr diesen Unmut spüren – ich möchte Entscheidungen und Projekte der Kommunalpolitik „von innen“ kennenlernen. Wie funktioniert das mit der Kommunalpolitik? – Davon hatte ich eigentlich selbst keine Ahnung. Ich glaube, das geht vielen Leuten so: Wir gehen zur Wahl – aber das ist schon das höchste der Gefühle. Aber so richtig verstehen zu können: Wie funktioniert die ganze Stadt, die Prozesse dahinter … ich fand, dass mein Eintritt in eine Partei eine gute Möglichkeit war, um das kennenzulernen. Erwartungen hinsichtlich Stadtrat oder Bürgermeisterin hatte ich gar nicht. Ich wollte einfach mitarbeiten, schauen und lernen. Und dann wurde ich in den Parteivorstand gewählt.

Und dann kam die Kommunalwahl …
Durch meinen Platz im Vorstand war es fast schon selbstverständlich, dass man sich aufstellen lässt. Denn warum geht man denn in die Politik? Man will ja etwas bewegen und verändern. Natürlich wollte ich lernen – aber ich wollte natürlich auch etwas verändern. Und ich glaube, wenn man wirklich noch mal tiefer in die Geschehnisse eintauchen möchte, dann geht es gar nicht, ohne dass man sich im Stadtrat beteiligt.
Die berühmten 100 Tage in einer neuen Position sind inzwischen rum. Du bist ganz neu im Stadtrat. Du bist gleich Bürgermeisterin geworden … was nimmst du so aus dieser ersten Zeit mit einem kommunalpolitischen Mandat für dich mit?
Meine Perspektive auf Neuburg hat sich deutlich erweitert. Im Alltag bewegt man sich meist in seinem eigenen Umfeld – in seiner Straße, seinem Stadtteil, bei den Orten und Menschen, die man kennt. Durch das Amt sehe ich plötzlich viel stärker, was diese Stadt im Innersten zusammenhält: Vereine, Ehrenamtliche, Initiativen, Verwaltung, Unternehmen und unglaublich viele Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Mir war vorher beispielsweise nicht bewusst, wie viel Vorbereitung hinter einer einzelnen kommunalpolitischen Entscheidung, einer Veranstaltung oder einer Satzung steckt.
Ich kenne Neuburg auch viel aus der Natur heraus. Und das schätze ich. Also habe ich bisher immer geschätzt, dass man innerhalb von ein paar Minuten in der wunderschönen Natur ist. Aber was in Neuburg passiert, was für tolle Vereine wir haben, wo sich die Menschen einbringen. Es ist so vielseitig – da ist man echt positiv überrascht. Und dafür bin ich sehr dankbar und das schätze ich sehr.
Hat sich dein Verantwortungsgefühl auch verändert?
Absolut. Das äußert sich darin, dass ich mir früher immer dachte: „Das ist meine Meinung“. Sie war geprägt von allem, was ich so in Erfahrung bringen konnte an Zahlen, Daten, Fakten – aber auch von meiner Gefühlslage und meinen persönlichen Wertvorstellungen. Meine Werte sind immer noch dieselben – und ich vertrete als Person meine Werte und stehe dafür ein.
Aber mit einem Amt in der Kommunalpolitik erweitert man seine Perspektive. Denn es geht ja nicht mehr nur um mich. Es geht um die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt – da sind verschiedenste Perspektiven, die man abwägen muss. Darunter fällt nicht alles, was mir persönlich gefallen würde. Aber das ist auch Teil meines Dienstes für unsere Stadtgemeinschaft. Das muss man für sich akzeptieren – und auch danach handeln. Also: Ich bin jetzt nicht nur ich.
Welche Stärken oder Qualitäten bringst du in das Trio der Stadtführung ein? Könnte man sagen, dass es dir leichter fällt als den beiden anderen, einen Schritt zurückzugehen? Und eine gemeinsame Aufgabe oder ein Projekt von einer anderen Seite zu beleuchten?
Ich empfinde die Zusammenarbeit mit Gerhard Schoder und Hans Habermeyer als sehr wertschätzend und auf Augenhöhe.
Ich glaube aber, wenn man als Stadtrat-Neuling die Historie zu einer Entscheidung oder einem Projekt nicht sofort und umfassend „auf dem Schirm hat“, hat man so ein Thema nochmal anders im Blick. Es fällt mir dadurch besonders leicht, unvoreingenommen an solche Fragestellungen heranzugehen.
Ich glaube gar nicht, dass ich automatisch anders denke, nur weil ich eine Frau bin. Was mir aber mit der Zeit bewusst geworden ist: Es macht trotzdem einen Unterschied, wenn Frauen sichtbar sind. Vielleicht nicht nur für die Entscheidungen, die heute getroffen werden, sondern vor allem für die Frauen, die danach kommen.
Wenn eine andere Frau mich sieht und dadurch vielleicht denkt: „Warum eigentlich nicht ich?“, dann ist schon viel gewonnen. Sich mehr zuzutrauen. Verantwortung zu übernehmen. Nicht darauf zu warten, dass jemand einem sagt, man sei jetzt bereit.
Und mein Wunsch wäre eigentlich, dass wir irgendwann an einen Punkt kommen, an dem diese ganzen Diskussionen gar nicht mehr nötig sind. Dass eine Frau in so einer Position nichts Besonderes mehr ist, sondern einfach normal.
Hast du ein persönliches Motto? Etwas, das dich auch durch intensive Zeiten trägt?
Ja, das ist der Begriff „Heimat“. Aber: Heimat ist für mich eigentlich gar kein Ort. Heimat hat sich für mich, eigentlich für meine ganze Familie erst entwickelt.
Meine Kinder kennen für ihr Alter schon viele Orte und haben einiges von der Welt gesehen. Wir haben ihnen sogar angeboten, einmal für längere Zeit ins Ausland zu gehen. Ihre Antwort war ziemlich eindeutig: „Nein, wir wollen nicht wieder aus Neuburg weg.“ Und irgendwie hat mich genau das berührt. Sie sind in unserem Wohnzimmer geboren, hier aufgewachsen, hier fühlen sie sich zu Hause. Vielleicht haben sie mich dadurch selbst stärker mit diesem Ort verwurzelt als es jeder andere Ort je geschafft hätte. Mir ist es lange schwergefallen, auf die Frage nach Heimat eine eindeutige Antwort zu geben. Vielleicht gerade deshalb, weil mir der Begriff so viel bedeutet.
In mir liegen kasachische Wurzeln, ein Leben in Deutschland und dieses manchmal seltsame Gefühl, mehreren Welten anzugehören und doch keiner ganz. Und weil meine Kinder mich bisher am stärksten verwurzelt haben, sind sie für mich Heimat.
Vielleicht ist Heimat am Ende das, was man in sich trägt: die Menschen, die man liebt. Die Geschichten, aus denen man kommt. Und die, die man selbst weiterschreibt.